Jetzt handeln! Briefe an Frau Dr. von der Leyen und Herrn Dr. Schäuble


bundesadler-neu28.01.2013 Nicht nur über 1.300 Unterzeichner der Petition: am 21. Januar hat sich die Bremer Bürgerschaft einstimmig gegen einen Weiterbetrieb des Tanklagers ausgesprochen und neben der Sanierung und Erstellung von Nachnutzungskonzepten eine endgültige Stilllegung durch Rückgabe der Betriebserlaubnis durch den Bund gefordert. (Kommentare aus der Online-Peition hier lesen …)

Da dieser Entschluss für den Bund als Eigner und Verkäufer der Liegenschaft nicht bindend ist, fordert die Bürgerinitiative nun dringend Frau Dr. von der Leyen, die als Verteidigungsministerin für den momentanen „Betrieb ohne Medium“ verantwortlich ist und Herrn Dr. Schäuble, der als Finanzminister Seitens des Bundes die Eigentümerseite vertritt auf, den für das gesamte Bundesland Bremen geäußerten Willen entsprechende Taten folgen zu lassen!

Die Briefe im Wortlaut

Sehr geehrte Frau  Dr. von der Leyen,
sehr geehrter Herr Dr. Schäuble,

das Tanklager Farge stellt für uns Menschen in Bremen-Nord eine vielfache Bürde dar: angefangen mit der Historie seiner Errichtung im Rahmen der Vorbereitung des 2. Weltkriegs über den störfallbehafteten Betrieb der zurückliegenden Jahrzehnte bis zu den heute vorhandenen umfangreichen Umweltschäden durch den Tanklagerbetrieb.

Die historische Aufarbeitung des direkt angeschlossenen U-Boot-Bunkers „Valentin“  bedeutet für die Anwohner einen gelungenen – und erforderlichen! – Umgang mit diesem dunklen Kapitel unserer deutschen Vergangenheit. Die dortige Denkstätte respektiert das vielfache Leid der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die zur Errichtung herangezogen wurden. Das Tanklager selber wurde unter ähnlichen Bedingungen errichtet! Auch hier wurden Zwangsarbeiter zur Errichtung herangezogen  –  alles war der menschenverachtenden Ideologie des 3. Reichs untergeordnet.

Und heute noch leiden wir Anwohner unter der monströsen Tanklager-Maschinerie: das anerkannt weltgrößte unterirdische Tanklager liegt heute inmitten unserer Wohngebiete, sogar inmitten des einzigen Bremer-Wasserschutzgebiets, das zur Trinkwassergewinnung herangezogen wird.

Allein diese beiden Punkte würden eine Neukonzeption eines jeglichen Tanklagers heute schon von vornherein verbieten!

Hinzu kommt, dass der größte Teil der technischen Grundausstattung noch auf dem Zustand und der Konzeption aus den 1930er Jahren basiert! Für die Genehmigung eines heutigen Tanklagers essentielle Anforderungen haben allein durch den Bestandschutz die Jahrzehnte überdauert:

  • einwandige unterirdische Tanks statt leckagesicherer zweiwandiger oberirdischer Behälter mit Auffangvorrichtungen[1]
  • diese sind genietet statt geschweißt und geprüft
  • über 100 km einwandige unterirdische Pipelines statt leckagesicherer zweiwandiger oberirdischer Leitungen
  • ungefilterte Entlüftungen der Diesel- und Kerosin-Tanks
  • und über all dem eine 80 Jahre „gewachsene“ Brandlast: ein im Sommer knochentrockener Nadelwald!

Zu unserer allergrößten Sorge befindet sich auf der – aus heutiger Sicht nicht mehr genehmigungsfähigen – Pipelinetrasse zwischen Tanklager und Weserhafen das Kinder- und Familienzentrum Farge-Rekum, ein Kindergarten, in dem sich 120 Kinder aufhalten.

Und als wäre dies noch nicht genug, befindet sich ausgerechnet auf dem Kindergartengelände ein explosionsgefährdeter Armaturenkeller („Ex-Schutz-Raum“) – und zwar direkt unter dem Gebäudeteil, in dem sich die ein- bis drei-jährigen Kinder aufhalten. Dieser mit Stacheldraht vom Kindergartenbetrieb abgezäunte Ex-Schutz-Bereich ist nicht ohne Grund so gekennzeichnet:  er birgt das Risiko, dass es dort zu einer Explosion kommen könnte… mit verheerenden, nämlich tödlichen Folgen für unsere Kinder!

Das Tanklager, das seinerzeit im ländlichen Bereich, fern der Bremer Siedlungen, errichtet wurde, liegt nun im Herzen eines Ortsteils. Das Schulzentrum „In den Sandwehen“ mit seinen über 850 Schülern grenzt direkt an das Tanklager und liegt genau in der Hauptwindrichtung der Abluftfahnen. Auch wenn dem Gesundheitsamt Bremen auf Nachfrage keine Informationen darüber vorliegen, so haben wir doch Aussagen aus verschiedenen Schülergenerationen bis in die jüngste Vergangenheit, die über Kraftstoffgeruch auf dem Schulhof berichten, oft gefolgt von nachmittäglichen Kopfschmerzen oder Übelkeit.

Sowohl durch seine 80-Jahre alte Grundkonzeption als auch durch ein anderes Herangehen als heutzutage kam es immer wieder zu mehr oder weniger genau protokollierten Umweltschädigungen, die zu umfangreichen Umweltschäden geführt haben:

Aus den vom Umweltamt Bremen veröffentlichten Untersuchungsberichten ist zu erkennen, dass sich auf dem Grundwasser (des Wasserschutzgebiets!) eine mehr als 80 cm dicke Giftstoff-Phase aus Treibstoffbestandteilen[2]  angesammelt hat. In einer Antwort des Bremer Umweltamtes ist sogar von stellenweise 2 m Mächtigkeit die Rede! Mit der Sanierung (Phasenschöpfung) wurde zwar in den letzten 3-4 Jahren begonnen, sie kann aber keinesfalls in den nächsten Jahren, vermutlich Jahrzehnten, erfolgreich abgeschlossen werden: die Schadstoffbelastung hat sich schon weit außerhalb der Liegenschaftsgrenzen des Tanklagers ausgebreitet; in vielen Straßenzügen wurde bereits vor der Grundwasserentnahme gewarnt, da z.B. vom krebserzeugenden Stoff Benzol seit Jahren Konzentrationen gemessen wurden, die den für Grundwasserverunreinigungen festgesetzten Schwellenwert um das über 10.000-fache überschreiten. Benzol verursacht neben Blutkrebserkrankungen wegen seiner systemischen Wirkung weitere Krebserkrankungen, Erbgutveränderungen und andere Gesundheitsschäden. Dies schlägt sich in einer erhöhten Krebsrate im Verseuchungsgebiet nieder, die je nach Auswertemethodik sogar als signifikant erhöht bezeichnet wird.

Außerdem sind umfangreiche Bodenverseuchungen ermittelt, aber längst noch nicht behoben! Auf dem Tanklagergelände wurden z.B. Tank-Schlämme vergraben; auch außerhalb des Geländes sind im Bereich alter Abwassergräben vom Tanklager zur Weser hin Schadstoffkonzentrationen in sogar geruchlich bereits wahrnehmbarer Konzentration vorhanden.

Zusätzlich zu den immensen Gesundheits- und Umwelt-Risiken erfahren Immobilienbesitzer einen schleichenden Wertverlust, der z.Z. zwar nicht quantifizierbar ist, sich aber in den entsprechenden Verhandlungsergebnissen deutlich widerspiegelt. Zahlreiche Leerstände im direkten Bereich des Tanklagers und insbesondere im Gebiet der Verseuchungen lassen die Vermutung der Unverkäuflichkeit zu.

Am 21. Januar 2014 hat nun unser Landesparlament, die Bremische Bürgerschaft, mit dem Beschluss des Antrags Drs 18/492 eine eindeutige Position für Gesamtbremen bezogen: in dem einstimmigen Beschluss, ohne Enthaltungen und Gegenstimmen, fordern alle Fraktionen eine endgültige Schließung des Tanklagers und  haben damit unseren großen Sorgen eine Stimme verliehen!

Die Kernforderungen des Beschlusses sind:

  1. Stilllegung des Tanklagers und Rückgabe der Betriebskonzession durch den Bund
  2. Entwicklung umweltfreundlicher Nachnutzungskonzepte, gemeinsam mit den Umlandgemeinden
  3. Sicherstellung und zeitnahe Umsetzung der Sanierungsverpflichtung des Bundes

Insbesondere bezgl. Punkt 1, der Stilllegung, sprechen wir Sie, Frau Dr. von der Leyen und Sie, Herrn Dr. Schäuble, an: der Bund als Besitzer der militärischen Liegenschaft samt Lager muss nun diese überfällige Entscheidung treffen und dabei unserem Wunsch nach einem sicheren Leben, ohne das Risiko einer zukünftigen weiteren Umweltbelastung, nachkommen.

Zurzeit befürchten wir, dass ein Verkauf durch die beauftragte Bundesimmobilienanstalt (BImA) dieser Entscheidung zuvorkommen könnte. Wir fordern Sie daher mit Nachdruck auf, die entsprechenden Vorgänge umgehend einzuleiten und damit dem Wunsch tausender direkt betroffener Nord-Bremer Bürgerinnen und Bürger zu entsprechen.

Als Anlage überreichen wir daher auch die von der Bürgerinitiative angestoßene Petition samt Zeichnerlisten.

Wir bitten Sie um kurzfristige Rückmeldung und Information, wie wir als Bürger bzw. als  Bürgerinitiative Ihnen hierbei zuarbeiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Heidrun Pörtner                                           Dipl.-Ing. Henning Leber
1. Vorsitzende der Bürgerinitiative                  2. Vorsitzender
Sprecherin

Dipl.-Ing. Olaf Rehnisch
stellv. Vorsitzender

Anlagen

  • Zeichnerliste online über „openpetition.de“ (435 Mitzeichner)
  • Zeichnerlisten (900 Mitzeichner)

[1]gem. VAwS (Verordnung über Anlagen mit wassergefährdenden Stoffen)

[2]BTEX (Benzol, Toluol, Ethylbenzol, Xylol) und MTBE (Methyl-tertiär-butylether): krebserregend;  Leichte Vergiftungen äußern sich in Schwindelgefühl, Brechreiz, Benommenheit und Apathie. Eine langzeitige Aufnahme kleinerer Benzolmengen führt vor allem zu Schädigungen der inneren Organe und des Knochenmarks. Bei einer schweren Vergiftung kommt es zu Fieber und Sehstörungen bis hin zu vorübergehender Erblindung und Bewusstlosigkeit. Xylole sind entzündlich und wirken gesundheitsschädigend bei Aufnahme über die Haut und die Atemwege. Sie können zum Beispiel Kopfschmerzen, Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, Schwindel und Atemnot hervorrufen. Toluol verursacht Nerven-, Nieren- und möglicherweise auch Leberschäden. Toluol ist fortpflanzungsgefährdend sowie fruchtschädigend. Die Inhalation von Toluoldämpfen kann zu unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Unwohlsein, Empfindungsstörungen, Störungen der Bewegungskoordination und Bewusstseinverlust führen.

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