Warum viele Häuser in Rekum, Farge und Rönnebeck gar nicht bewohnt sein dürften: Erläuterungen zum Forschungsbericht der Bundesanstalt


Das Risiko, das von unterirdischen Kraftstoffleitungen (engl. „pipeline“) ausgehen kann, ist nicht unerheblich. Die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) – vielen bekannt durch die Überprüfung von Sylvesterfeuerwerk – hat Schadensfälle der letzten Jahrzehnte analysiert und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis hinsichtlich der (eigentlich) erforderlichen Bebauungsabstände. Im folgenden werden die Ergebnisse der BAM-Studie sowie die Bedeutung hinsichtlich der Wohnbebauung in Farge erläutert.

Logo der Bundesanstalt

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Im Jahr 2009 wurde von der Bundesanstalt für Materialprüfung ein Forschungsbericht mit dem Titel  „Zu den Risiken des Transports flüssiger und gasförmiger Energieträger in Pipelines“ (Link)  erstellt. Dieser beschäftigt sich mit Schadensfällen ober- und unterirdischer Leitungen die brennbare Gase und flüssige Kraftstoffe transportieren.

In Farge-Rekum finden sich gleich 2 Leitungen dieser Bauart:

  1. Die unterirdischen Kraftstoff-Leitungen zwischen dem Tanklager Farge und dem Löschhafen an der Weser, die unter dem Kindergarten Farge-Rekum durchführen, der täglich von über 120 Kindern besucht wird.
  2. Die sog. „NATO-Pipeline“ des CEPS, die ebenfalls mitten durch das Wohngebiet führt und auf der mehrere Wohnhäuser stehen
NATO-Pipeline durch Wohngebiet
Die 80-bar-NATO-Pipeline führt unbeschriftet und weitestgehend auch ohne Kennzeichnung mitten durchs Wohngebiet – unter Häusern hindurch

VERSAGENSGRÜNDE

Typische Versagensgründe sind:

  • Überlast
    durch zu hohen Druck, verursacht durch Fehlverhalten der Anlage oder Fehlbedienung. Hinweis: der überwiegend aus dem Konzeptions- und Bauzeitraum stammenden Automatisierungsgrad des Tanklagers Farge (automatische Abschaltungen!) geht gegen Null. Damit verbunden war und ist zum Betrieb ein vergleichsweise sehr hoher Personalaufwand!
  • Fremdeinfluss
    Aussenschädigung durch Bagger, Bohren, z.B. auch durch einen Bagger beim Beheben eines Wasserrohr-Bruchs
    Fehler in Betrieb oder Ausführung
  • Korrosion
    „Rost“
  • Dauerbruch/Spannungsrisskorrosion
    schwingungsinduzierte Verkehrsbelastungen, z.B. durch die gut frequentierte Farger Straße
    Druckwechselbelastung durch Pumpvorgänge und beim Pumpen, auch durch Druckschwingungen z.B. durch alte Pumpen

Alle genannten Schadensfälle können bei den vorhandenen Leitungen auftreten.

SCHADENSMODI

Hierdurch verursachte Schäden stellen sich wie folgt dar:

a) ein Aufriss der Rohrleitung in tangentialer Richtung, meist verursacht auf Grund von Bodenbewegungen (Erdrutsch) oder Überfahren mit schweren Baumaschinen o.ä. b) ein Aufriss der Rohrleitung in axialer Richtung über eine relativ kurze Strecke mit gleichzeitiger Aufweitung quer zur Rohrachse (Fischmaulbruch) c) ein Aufriss der Rohrleitung im oberen Scheitelbereich über mehrere Meter d) ein Heraussprengen eines Rohrsegments, d.h. eine Freisetzung des gesamten Rohrquerschnittes(Guillotine-Bruch) e) eine ovale bis kreisrunde Penetration der Rohrleitung, hervorgerufen durch Baggerschaufeln oder Erdbohrer

Versagensfälle (Schandsmodi) an Pipelines (Quelle: BAM)

a) ein Aufriss der Rohrleitung in tangentialer Richtung, meist verursacht auf Grund von Bodenbewegungen (Erdrutsch) oder Überfahren mit schweren Baumaschinen o.ä.

b) ein Aufriss der Rohrleitung in axialer Richtung über eine relativ kurze Strecke mit gleichzeitiger Aufweitung quer zur Rohrachse (Fischmaulbruch)

c) ein Aufriss der Rohrleitung im oberen Scheitelbereich über mehrere Meter

d) ein Heraussprengen eines Rohrsegments, d.h. eine Freisetzung des gesamten Rohrquerschnittes (Guillotine-Bruch)

e) eine ovale bis kreisrunde Penetration der Rohrleitung, hervorgerufen durch Baggerschaufeln oder Erdbohrer

Von besonderem Interesse sind – neben den durch Fehlbedienung oder Unkenntnis von Leitungspositionen bei Baggerarbeiten verusacheten Schäden – die Dauerbrüche, bzw. auftretende Spannungsriss-Korrosion.

WAS BEDEUTET DAS?

Wöhlerkurve

Wöhlerkurve

Zunächst könnte man vermuten: „Ein Bauteil hält, bei richtiger Auslegung“. Jedoch stellte schon August Wöhler (1819 – 1914) fest, dass es eine Beziehung zwischen Spannung und Lastwechselzahl gibt.

Das heißt, daß ein Bauteil, auch bei richtiger Auslegung, durch eine hohe Anzahl von Lastwechseln (z.B. Be- und Entlastung bei Pumpvorgängen, Schwingungen durch Verkehr) unterhalb seiner Belastungsgrenze versagen kann. Vereinfacht könnte man von Alterung sprechen, ein Effekt, den man vielleicht vom eigenen Auto kennt: manche Feder im Fahrwerk ist gebrochen, obwohl sie eigentlich richtig ausgelegt ist. Die vielen Schwingspiele, hier verursacht durch die Straßenunebenheiten, haben zum Versagen unterhalb der Festigkeit geführt.

Link zur Tabelle (auf Bild klicken!)

Link zur Tabelle (auf Bild klicken!)

Im Fall des Tanklagers Farge, mit seinem über 100 km langen Leitungssystem auf dem Tanklager-Gelände und durch Wohngebiete hindurch, besteht also ein hohes Potential.

Die BAM folgert „Es nicht möglich ist, die Randbedingungen eines Pipelineversagens annähernd plausibel vorherzusagen.“ Um den Forschungsbericht zutreffend zu interpretieren, wurden die betrachteten Pipleine-Schädem auf solche mit – wie im Tanklager Farge gelagerten und umgeschlagenen – flüssigen Kraftstoffen gefiltert.

MÖGLICHKEITEN ZUR SCHADENSVERMEIDUNG
Vergleich Kenntnisstand zur Praxis in Farge

Das oberstes Ziel muss die Vermeidung von Schäden an

  • Menschen
  • Natur, Umwelt
  • Sachwerten (z.B. Häuser)

sein. Der Forschungsbericht der BAM fordert dazu folgende Vorsorgemaßnahmen:

  1. Druckprüfung
  2. Leitungskennzeichnung
  3. Einhalten von Sicherheitsabständen

Wie wurde bzw. wird es beim Tanklager Farge und den betroffenen Ortsteilen Farge, Rekum und Rönnebeck gehandhabt (Stand 2014)?

1. Druckprüfung

Da bei einer Druckprüfung ein Schaden nicht restlos auszuschließen ist, darf sie:

  • nicht mit Luft
    (Gefahr einer explosionsartigen Leitungszerlegung mit Trümmerflug)
  • nicht mit Betriebsmedium
    (Gefahr von Umweltschäden)

erfolgen.

Laut Schreiben des Gewerbeaufsichtsamts Bremen (GAA) vom 09.08.2013 erfolgt die Druckprüfung der Leitung unter Kindergarten aber mit Kraftstoff! (Antworten auf Frage 12, Frage 18).

Das GAA sieht, allen allgemein vorhandenen Kenntnissen zum Trotz, hierin eine „zusätzliche Sicherheit“, auch wenn man dies erst nach „einigen hundert Litern“ Leckage überhaupt erkennen kann.Wieso aus einer gefüllten Leitung mit mit mehreren 1.000 Litern Inhalt dann „einige hundert Liter“ ausfließen und der Rest drinbleibt erklärt das GAA Bremen nicht. Auch die Frage, warum man – wie von der BAM gefordert – nicht mit Betriebsmedium, sondern z.B. mit chemisch neutralen Flüssigkeiten prüft, wird nicht genau beantwortet. Auch das enorme Risiko durch Druckprüfungen mit Gasen scheint dem GAA in seiner Antwort nicht einmal bewusst zu sein.

2. Kennzeichnung

Schild zur

vorgeschriebene Kennzeichnung von Kraftstoffleitungen

Laut Forschungsbericht sind Schäden durch Baggerarbeiten ursächlich für 36% aller Schadensfälle. Daher ist aus Sicht der BAM eine Leitungskennzeichnung, wie bei jeder Wasser- oder Gas-Leitung hinlänglich bekannt, absolut erforderlich.

NATO

Kennzeichnung der NATO-Pipeline

Für die Leitung unter der KiTa-Farge/Rekum hindruch gibt es keinerlei Kennzeichnung.

Die NATO-Pipeline ist nur am wenigen Punkten, z.B. am der Straßenquerung der Rekumer Straße und an der Straße „Unterm Berg“ erkennbar – wenngleich ohne Beschriftung – gekennzeichnet.

3. Sicherheitsabstände

Die BAM stellt als Ergebnis der Auswertung der Pipelineschäden und -unfälle fest:

Die Auswertung der Unfälle ergab, dass für eine Risikoanalyse zur Flächennutzungsplanung die Wirkungen der Wärmestrahlung und der Druckwelle bis zu einer Entfernung von 350 m, gemessen ab Mitte Pipelinetrasse, zu berücksichtigen sind.

Das würde für Farge-Rekum bedeuten, daß in einem Korridor ab Gewerbegebiet Farge-Ost bis hinter dem Ende des Pötjerwegs keine Wohnbebauung sein dürfte!

Allerdings geht die BAM bei Ihrer Empfehlung von allen Pipeline-Unfällen aus, also auch mit gasförmigen Medien. Beschränkt man wiederum die Analyse der Unfälle auf die im Tanklager Farge lagerbaren flüssigen Kraftstoffe, so verbleibt ein Sicherheitsabstand von immer noch 100 m zu jeder Leitungsseite. Für die hunderte Anwohner in Farge und Rekum kein wirklich besseres Bild:

CPES

100-m-Korridore, in denen es keine Wohnbebauuung geben dürfte

Dasselbe gilt natürlich auch für die auf dem Tanklager-Gelände befindlichen Rohrleitungen (und insb. Tanks!), gerade hinsichtlich ihrer räumlichen Nähe zur Schule „In den Sandwehen“. Daher hat die Bürgerinitiative am 19.05.2014 einen präzisierten Bürgerantrag erstellt, der nach dem genauen Umgang der Behörden mit dem Risiken durch das Tanklager fragt.

FAZIT

Der Bericht der Bundesanstalt nennt eine Schadenswahrscheinlichkeit von 0,34 Schäden pro Jahr je 1.000 km Leitung. Ausgehen von den im offiziellen Verkaufsprospekt des Tanklagers genannten 132,5 km Rohrleitungen bedeutet dies, daß mit einem Schaden alle 23,5 Jahre zu rechnen ist.

Zum einen gab es nach Quellen und Berichten deutlich häufiger Leitungsschäden im Betriebszeitraum des Tanklagers. Zum anderen steigt, insbesondere durch die gut 40 Jahre alten Leitungen mitten im Wohngebiet alterungsbedingt die Schadenseintritts-Wahrscheinlichkeit zunehmend an.

Geht man von offiziellen Angaben aus, nach denen die letzten Schäden in den 1980er Jahren aufgetreten sind, ist es also nur eine Frage der Zeit, bis ein, dann vermutlich noch größerer Umweltschaden eintritt.

Basierend auf den Empfehlungen der BAM sollten die Kraftstoffleitungen des Tanklagers Farge daher dauerhaft und endgültig stillgelegt werden. Die alleinige Rückgabe der Betriebsgenehmigung im Frühjahr 2014, ohne dieselbe auch durch das Bremer Gewerbeaufsichtsamt zurückzuziehen, ist nicht ausreichend, da sie nach Behördenauskunft noch nach bis zu 3 ½ Jahren wieder aktiviert werden kann!

ANMERKUNG
Dieser Bericht wurde im Rahmen der 12. Anwohnerversammlung vorgestellt und liegt bald als Video vor

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