Bericht der Verwaltung: Läuft alles gut! …oder doch nicht?


Bürgerschaftsgebäude12.01.2015 Am Donnerstag, 08.01.2015 kam die Umweltdeputation der Bremer Bürgerschaft zusammen, um unter anderem den Bericht der Verwaltung zum Tanklager Farge besprechen (Bericht der Verwaltung als PDF). Durch den einstimmigen, fraktionsübergreifenden Bürgerschaftsbeschluss zur Schließung des Tanklagers Farge vom Januar 2014 ist dieser Bericht vom Umweltamt jährlich vorzulegen.

Umweltdeputierte der Bürgerschaftsfraktionen baten die Bürgerinitiative um Darlegung ihrer Sichtweise und Fragen zu dem Bericht, um diese in die Sitzung einfließen zu lassen. „Wir freuen uns, dass wir mit dem Umweltdeputierten der Bürgerschaft eine gute und intensive Kommunikationskultur etablieren konnten“ meint Heidrun Pörtner, Vorsitzende des Vereins „Tanklager Farge“ e.V., der aus der Bürgerinitiative hervorgegangen ist, hierzu.

Die Fachleute der BI haben daraufhin die Inhalte des Berichts mit den offiziellen Sachstandsberichten der Gutachter verglichen, sind dabei aber auf einige Unstimmigkeiten gestoßen. (Pressemitteilung hierzu als PDF)

Nebelkerzen statt Klarheit?

„Wir befürchten, dass hier einige ‚Nebelkerzen‘ gezündet werden“ kritisiert Dipl.-Ing. Henning Leber. „Man spricht von ‚praktisch‘ leeren Tanks und Leitungen und bezieht sich hiermit offenbar auf ‚technisch leer‘, was nicht mit einer völligen Entleerung gleichzusetzen ist. So wird der Eindruck erweckt, es befänden sich keinerlei Gefahrstoffen mehr im Tanklager“. Der Umfang dieser Restmengen bleibe im Dunkeln.

Auch sei von einem „uneingeschränkten“ Betrieb der Phasenabschöpfung, also der Sanierungspumpen, die Rede, obwohl sich dies in den gewonnen Schadstoffmengen nicht widerspiegle. Auch Anwohner berichteten von langen Stillständen, in denen die Pumpen nicht liefen.

Auch der weitere Fortgang der Schließung bleibt der BI zu unkonkret. Weder der Beschluss des Bundes hierzu sei veröffentlicht, noch die Stilllegungsanzeige läge bislang vor: „Das Gewerbeaufsichtsamt hatte uns im Oktober schriftlich mitgeteilt (Schreiben), dass man nun die Stilllegungsanzeige des Bundes erwarte. 4 Monate ohne weitere Entwicklung später stellt sich die Frage, ob dies im Bremer Sinne seitens des Umweltsenators mit dem erforderlichen Nachdruck auch eingefordert wird?“ fragt Leber.

Schadstoffwerte sinken nicht überall!

„Aber so richtig ärgern wir uns, wenn von Verringerung der Schadstoff-Konzentrationen geschrieben wird, obwohl die von der selben Behörde veröffentlichten Diagramme des Sachgutachters z.T. eindeutig das Gegenteil zeigen“ merkt Dipl.-Ing. Olaf Rehnisch an. „Wenn dann auch noch über den Verladehafen geschrieben wird, dass die dort extrem hohe Schadstoffkonzentration die Grundstücksgrenze nicht überschreiten würden, obwohl die hohen Messwerte am Zaun abrupt enden, stellt das für uns die Aussagekraft des Bericht stark in Zweifel“ ergänzt er.

„Wir gehen davon aus, dass die Umweltdeputierten unsere Fragen in die Bewertung des Bericht haben einfließen lassen“, zeigt sich Heidrun Pörtner optimistisch. „Politik, Bürger und Behörden ziehen mehr und mehr an einem Strang. Gerade, weil der Weg noch sehr weit ist, ist es auch die einzige zielführende Möglichkeit!“

Anmerkungen und Fragen für die Umweltdeputierten:

Zu Pkt. 1. Tanklagerbetrieb und Stilllegung

S. 1 (der Deputationsvorlage): „Stillstandsbetrieb praktisch ohne Medium“

  • Sind Tanks und Leitungen ohne Medium bzw. was heißt „praktisch“ ohne Medium?
  • Welche Inhalte in welcher Menge befinden sich noch im Tanklager?
  • Wie genau sind diese Mengen abgeschätzt?
  • Was geschieht mit den Restmengen? Wann?
  • Welche Gefährdung geht – neben einer Umweltgefahr – von den Restmengen durch Bildung explosionsfähiger Atmosphären aus? Was wird gegen diese Gefahren getan?

S. 1: „Tanks und Zuleitungen sind geleert“

  • Handelt es sich um „technisch leer“, also die oben nachgefragten, nicht genannten Restmengen?

S. 1: Stilllegungsbeschluss: „…wurde […] berichtet, dass […] festgelegt haben, dass das
Tanklager Farge stillgelegt werden soll

  • Wurde dieser Beschluss veröffentlicht (falls nicht, wann wird er veröffentlicht)?
    Wo ist er einzusehen?
  • Lt. Schreiben des GAA Bremen sollte die Stilllegungsanzeige bis Ende 2014 dem GAA Bremen vorliegen.
    Liegt diese nun vor? Wenn nein: warum noch nicht und bis wann?
  • Falls sie nicht vorliegt: Was unternimmt der Umweltsenator, um diesen wichtigen Schritt im Sinne des Bürgerschaftsbeschlusses zur Schließung des Tanklagers voranzutreiben?

Zu Pkt. 2.1 Sanierung

S. 1: „Die seit Juli 2010 betriebene […] Phasenabschöpfung […] läuft uneingeschränkt

  • Von Anwohnern wird berichtet, dass die Pumpen in den letzten Monaten, also auch vor Erstellung der Deputationsvorlage nicht mehr liefen. Dies spiegelt sich auch in den im 8. Sachstandsbericht dokumentierten Entsorgungsmengen wieder (z.B. einige Monate nacheinander Schadstoff-Abfuhren, dann wieder mehrere Monate nicht, s. Abbildung 1)
Entsorgte Schadstoffmengen lt. Tabelle im 8. Sachstandsbericht

Entsorgte Schadstoffmengen lt. Tabelle im 8. Sachstandsbericht

  • Auf S. 2 der Deputationsvorlage wird diese diskontinuierliche Förderung mit dem Nachlaufen der Schadstoffe begründet. Dies scheint aber auf Grund der langen Pausen nur ein Teil der Begründung zu sein, ggf. weist dies auf ein u.U. ungeeignetes Sanierungsverfahren hin!Warum liefen die Pumpen anscheinen doch nicht „uneingeschränkt“?
  • In den Sachstandsberichten 6. Sachstandsbericht S.10-11, 7. Sachstandsbericht S.11-12, 8. Sachstandsbericht S.17-19 wird außerdem von Pumpenausfällen berichtet:Wie ist dies mit der o.a. Aussage in Einklang zu bringen?

S. 2: „BTEX-Konzentrationen […] verringern sich langsam“

  • In Diagrammen des 8. Sachstandsbericht sind nur bei GWMS 03/09 eine Verringerung der Konzentrationen ersichtlich, bei allen anderen ist sie gleichbleiben, bzw. ansteigend (s. Abbildung 2)
Abbildung 2: Entwicklung BTEX-Gehalte im Grundwasser der Förderbrunnen Verladebahnhof 2

Abbildung 2: Entwicklung BTEX-Gehalte im Grundwasser der Förderbrunnen Verladebahnhof 2

  • Die Schichtdicken sind sogar z.T. stark ansteigend (s. Abbildung 3)
    Wie ist dies mit der o.a. Aussage in Einklang zu bringen?

    Abb. 3: graphische Darstellung der im Sachstandbericht tabellarisch aufgeführten Schichtdicken GWMS 6/13

    Abb. 3: graphische Darstellung der im Sachstandbericht tabellarisch aufgeführten Schichtdicken GWMS 6/13

S. 2 f. (des BerichtS): zu Pkt. 2.2 Schadstofffahne und Informationsgebiet

Absatz 3 ff. „Auch an der Messstelle GWMS 01-10…“

  • Die Messwerte deuten darauf hin, dass die Schadstofffahnen sich anders ausbreiten als bis zum 7. Sachstandsbericht dargestellt. BTEX wird bereits an mehreren Messstellen außerhalb dieser Fahne nachgewiesen (s.o. „Auch an der Messstelle GWMS 01-10…“; nicht bezeichnete Messstelle/vermutlich Hanfsstraße; Messstelle Schule Hechelstraße):
    Warum geht man anhand dieser Ergebnisse nicht davon aus, dass sich die Schadstoffe nicht in langgezogener Form sondern radialsymmetrisch ausbreiten?
    Diese Annahme bestätigt sich auch durch Anpassung die geänderte Grundwasserfließrichtung im 8. Sachstandsbericht (s. Abbildung 4).
Abb. 4: angepasste Grundwasserfließrichtung: links bei früheren Sachstandberichten in Richtung SSW; rechts 8. Sachstandsbericht in Richtung SSO (Gradientendarstellung)

Abb. 4: angepasste Grundwasserfließrichtung: links bei früheren Sachstandberichten in Richtung SSW; rechts 8. Sachstandsbericht in Richtung SSO (Gradientendarstellung)

Abb. 5:  Abstand Grundwasser-Kontaminationen zum Trinkwasserbrunnen ist deutlich KLEINER 920 m

Abb. 5: Abstand Grundwasser-Kontaminationen zum Trinkwasserbrunnen
ist deutlich KLEINER 920 m

S. 3: Verladebahnhof I und Hafen

„…Grundwasserverunreinigung durch BTEX und untergeordnete MTBE […] deren Ausbreitung die Grundstücksgrenzen nicht überschreitet.“

  • Die Darstellung im Sachstandsbericht der extrem hohen Kontaminationswerte „endet“ abrupt an der Grenze vom Hafen zum benachbarten Wasserschifffartsamts (s. Abbildung 6):
Abb. 6: Kontamination am Hafen

Abb. 6: Kontamination am Hafen

  • Wird bei dieser Aussage davon ausgegangen, dass es sich bei den Liegenschaften des Tanklager-Hafens und des Wasserschifffahrtsamt um ein gemeinsames Grundstück handelt, so dass hier aber durchaus die Liegenschaftsgrenze des Hafens Richtung Wasserschifffahrtsamt überschritten wird?
  • Worauf basiert diese Aussage, da es in den bisher veröffentlichten Sachstandberichten keine Messungen außerhalb der Liegenschaft des Tanklager-Hafens gibt?
  • Wodurch kann ausgeschlossen werden, dass weitere Grundstücke kontaminiert sind?

Ergänzender Hinweis

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